Das Tagebuch

48 Tage  ·  4792 Kilometer  ·  Mai bis Juli 1998

🇩🇪 Deutschland · Aufbruch
Tag1
Tarmstedt → Itzehoe
112 km

Das Gepäck gut verstaut, so startete ich bei bedecktem Himmel zu meiner Nordkap-Tour. Es ging über Hepstedt, Glinstedt nach Bremervörde. In Augustendorf die erste Überraschung. Obwohl erst 20 km gefahren, wurde mir übel und schwarz vor Augen. Ich machte eine Pause und zog mir die „atmungsaktive" Wetterjacke aus. Da sah ich auch schon den Grund meiner schlechten Verfassung. Die als atmungsaktiv gekaufte Jacke stellte sich als einfache Gummijacke heraus. Ich war total schweißgebadet. Das Wasser lief buchstäblich aus den Ärmeln. Ich hatte wohl einen Hitzestau bekommen.

Nach dem notwendig gewordenen Kleidungswechsel ging es ohne Jacke weiter nach Wischhafen. Kaum hatte ich die Fähre betreten, kam ein Regenschauer herunter, wie er besser nicht sein konnte. Wieder wurde ich völlig naß, da es keinen Unterstand für einen Radfahrer auf der Fähre gab. So ging es dann in den nassen Klamotten weiter nach Itzehoe, wo ich gegen 16:00 Uhr die Jugendherberge erreichte. Ich bekam ein Einzelzimmer. Mit mir waren noch zwei Schulklassen anwesend, die sehr laut waren. Doch gegen 23:00 Uhr wurden auch die müde, und ich hatte eine ruhige Nacht.

Tag 1 – Tarmstedt nach Itzehoe
Tag2
Itzehoe → Sankelmark
120 km

Nach einem reichlichen Frühstück bepackte ich mein Fahrrad und fuhr Richtung Rendsburg. Das Wetter war durchwachsen, die Strecke leicht hügelig, der Radfahrweg in einem guten Zustand. Unterwegs kaufte ich mir noch etwas zum Trinken. Später merkte ich, daß ich meine Fahrradhandschuhe liegengelassen hatte.

Gegen Mittag erreichte ich Rendsburg. Was ich hier erlebte, war nicht gerade ermutigend für meine weitere Fahrt. Ich brauchte ca. 1,5 Stunden um durch Rendsburg Richtung Schleswig zu kommen. Der anfangs gut ausgeschilderte Radweg war plötzlich nicht mehr wieder zu finden. Es war gar nicht so einfach, mit dem schwer bepackten Fahrrad durch die Innenstadt zu kommen. Doch endlich hatte ich den richtigen Weg nach Schleswig, wenn auch nach mehreren Umwegen, gefunden.

Kurz vor Schleswig wurde die Straße zur Autostraße. Gewarnt durch das Problem in Rendsburg, umfuhr ich die Stadt und erreichte so ohne Probleme gegen Abend den kleinen Zeltplatz Sankelmark, wo ich meine erste Nacht im Zelt verbrachte.

Tag 2 – Zeltplatz Sankelmark
🇩🇰 Dänemark
Tag3
Sankelmark → Kolding
89 km

Gegen 07:30 startete ich in Richtung Kolding. Nach etwa 40 Minuten erreichte ich die Stadt Flensburg, wo ich mir erst einmal eine brauchbare Regenjacke kaufte. Die Gummijacke gab ich einem jungen Mann, nachdem er mir so nett und gut den Weg zum Grenzübergang Kupfermühle beschrieben hatte.

Das Wetter war wieder durchwachsen, und so kam ich um die Mittagszeit in der ersten dänischen Stadt, Abenraa, an. Hier tauschte ich erst einmal Geld. Nach einer kurzen Pause sowie einer kleinen Stärkung ging es weiter nach Kolding, wo ich die Nacht auf dem Campingplatz verbrachte. Es waren sehr viele Deutsche hier. Auf diesem für mich ersten skandinavischen Zeltplatz bekam ich gleich die ersten Eindrücke über das Campen: Für alles muß bezahlt werden. Alles geht über Zeitschaltuhren, die wiederum mit Geld „gefüttert" werden müssen. Duschen, trocknen, kochen – alles geht nur über besagte Uhren.

Tag4
Kolding → Skanderborg
87 km

In einer Cafeteria bestellte ich mir ein echtes englisches Frühstück. Danach startete ich in Richtung Skanderborg. Aber auch hier, wie schon in Rendsburg, hörte der Radweg plötzlich auf und die Straße wurde zur Autobahn. Ich habe eine Stunde gebraucht, um wieder auf den richtigen Weg nach Horsens zu kommen. Während dieser Zeit habe ich ganze 8 km zurückgelegt.

Die Strecke war sehr bergig. In Horsens machte ich einen für mich bis heute unverständlichen Gedankenfehler. Ich war plötzlich der Meinung, die Straße, die ich befuhr, würde zur Autostraße. Ich wußte nicht weiter. Meine Karte sagte auch nichts aus. Die Leute, die ich befragte, verstanden mich einfach nicht – sie sprachen weder englisch noch deutsch, nur dänisch. Noch während wir sprachen, jeder in seiner Sprache, bemerkte ich wie eine Frau mit ihrem Fahrrad die vermeintliche Autobahn in die Richtung, in die ich wollte, wie ganz selbstverständlich befuhr. Mein Problem war gelöst. Ich fuhr so schnell ich konnte hinter ihr her. Die weitere Strecke wurde sehr hügelig – wie überhaupt in Dänemark sehr kurze, aber beachtliche Steigungen zu bewältigen waren. Ziemlich erschöpft erreichte ich den Campingplatz in Skanderborg.

Tag5
Skanderborg → Grena
96 km

Früh um 8:00 Uhr saß ich im Sattel, nachdem ich noch schnell einen Kaffee im Kiosk zu mir genommen hatte, um zunächst Arhus zu erreichen, wo ich ein üppiges Frühstück bei Mc Donalds verzehrte. Bei herrlichem Wetter mit etwas Gegenwind ging es dann über die B15 zum Tagesziel Grena.

Bei Vinbo wurde die B15 mit dem guten Radweg mal wieder zur Autobahn. Das hieß für mich als Radfahrer einen großen Umweg mit zum Teil sehr heftigen Steigungen zu fahren. Den Ort Ronde werde ich diesbezüglich wohl nicht vergessen. Hier mußte ich aus dem Sattel, um einen schier endlos erscheinenden Berg hinaufzuschieben. Das alles um die Mittagszeit bei strahlender Sonne.

In Grena habe ich 1981 mit meiner Familie Urlaub gemacht. Wie hat sich hier das Hafengebiet verändert. Auf dem Campingplatz baute ich mein kleines Zelt auf, um eine ruhige Nacht zu verbringen. An diesem Abend ging mein Kochgeschirr kaputt. Nur den Teekessel konnte ich noch retten. Er sollte mir für die folgende Zeit noch sehr nützlich sein.

Tag6
Grena → Varberg (Fähre)
Fähre Reisetag

Da mir die Auskunft auf dem Campingplatz als Abfahrtszeit der Fähre nach Varberg 08:30 Uhr genannt hatte, mußte ich also wieder früh aufstehen. Das ordentliche Verstauen meiner Sachen nahm doch immer eine gewisse Zeit in Anspruch. Frühstücken wollte ich ganz gemütlich auf der Fähre. Aber wie lautet doch das Sprichwort: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Im Fährhafen angekommen, machte mich der ruhige Betrieb schon stutzig. Keine weiteren Fahrgäste, geschweige denn eine Fähre. Meine Vermutung war richtig. Man hatte mir die falsche Abfahrtzeit genannt. Die Fähre fuhr erst um 14:00 Uhr. Mit dem gemütlichen Frühstück war wohl nichts. Ich fuhr also, nachdem ich mir eine Fahrkarte gelöst hatte, wieder zurück, um von meinem letzten dänischen Geld zu frühstücken. Es reichte gerade für zwei trockene Brötchen. Frohe Pfingsten, kann man da nur sagen.

Um 14:00 Uhr legte die Fähre dann ab und erreichte nach 4,5 Stunden den Hafen von Varberg. Leider war der Himmel sehr bedeckt und die Luft stark dunstig, so daß ich das Wahrzeichen der Stadt, die Burg, nicht sehen konnte. Dort angekommen begann ich sofort mit den üblichen Arbeiten. Zelt aufbauen, Sachen verstauen. Es war Pfingsten und somit war der Platz voll belegt – überwiegend mit Wohnwagen und Wohnmobilen.

🇸🇪 Schweden
Tag7
Varberg – Erster Ruhetag
Ruhetag

Heute legte ich meinen ersten Ruhetag ein. Ich wusch meine gesamte bis dahin getragene Wäsche – was, wie sich später herausstellte, keine gute Idee war. Das Wetter schlug um und ich hatte Probleme, das Zeug trocken zu kriegen. Für die Unterwäsche mußte der Händetrockner in der Toilette herhalten. Die Hemden, Socken usw. packte ich am nächsten Tag im feuchten Zustand in eine Plastiktüte.

Für die Zukunft habe ich aus diesem Fehler gelernt: Ich werde nur noch zwei Unterhosen sowie zwei T-Shirts in Gebrauch nehmen. Die getragenen Stücke abends kurz durchspülen – und das Trocknungsproblem ist gelöst. Zum Mittag fuhr ich in die Stadt, um zu essen und anschließend einen Stadtbummel zu machen.

Varberg – Ruhetag
Varberg – Stadtbummel
Tag8
Varberg → Jönköping
172 km

Bei kühlem Wetter und wolkenverhangenem Himmel startete ich zunächst einmal in Richtung Ullared. Ich befuhr die 153, die sehr steile Anstiege zu verzeichnen hat. Ab Ullared wechselte ich auf die 154. Hier bekam ich schon einen Vorgeschmack auf die unendliche Einsamkeit der vor mir liegenden Strecken. Ich fuhr stundenlang durch Wälder. An der Straße vereinzelt Häuser, sonst nur Wald und Seen.

Später sollte es eine sehr lange Etappe werden. Zwischen Lungsarp und Jönköping waren es noch 68 km. Dazwischen gab es keine Übernachtungsmöglichkeit. Links und rechts der Straße war ein zwei Meter hoher Wildschutzzaun angebracht, der sich bis nach Jönköping erstreckte. Ich konnte also nicht in den Wald und mußte wohl oder übel auf der stark befahrenen B 40 bis nach Jönköping weiterfahren.

Um 19:00 Uhr erreichte ich den Campingplatz. Die Rezeption war schon geschlossen. Ich schlug mein Zelt einfach auf einer freien Fläche auf. Einkaufsmöglichkeiten gab es auch nicht. Als Abendbrot dienten ein paar Kekse. Völlig erschöpft, hungrig und ungeduscht schlief ich ein.

Tag9
Jönköping → Hjo
83 km

Nicht nur, daß ich hungrig, ungewaschen und total gerädert vom gestrigen Tag war – nein, es mußte auch noch kräftig regnen. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und fuhr auf Nebenstraßen in die Stadt Jönköping. Aber auch hier noch kein Frühstück. Die Geschäfte machten erst um 10:00 Uhr auf. So wartete ich also im strömenden Regen, um endlich nach Öffnung des Geschäftes mein heiß ersehntes Frühstück zu mir zu nehmen. Besonders der heiße Kaffee tat gut.

Um 11:00 Uhr ging es weiter. Es regnete immer noch. Ich fuhr auf der 195 am linken Ufer des Vätternsees bis nach Hjo. Hier angekommen trocknete ich erst einmal auf dem sehr gut ausgestatteten Campingplatz meine nassen Sachen. Nachdem dieses alles wieder in Ordnung war, ging ich in die Stadt und gönnte mir ein wahrlich vorzügliches, wenn auch teures Abendessen.

Tag10
Hjo → Kumla
126 km

Bei bedecktem Himmel, aber mit Rückenwind, ging es frühmorgens weiter. Das Ziel war Kumla. Auf ebener Strecke kam ich flott voran. Während ich so auf einsamer Strecke dahinfuhr, kam mir zum Bewußtsein, daß es ja schon der 10. Tag seit Reisebeginn war, und ich mich seitdem noch nicht wieder so richtig mit einem Menschen unterhalten hatte. Die „Konversation" beschränkte sich lediglich auf: Wie teuer? Wo ist der Campingplatz? Und das noch dazu in Englisch. Und es sollte noch einsamer und einsilbiger werden.

In Kumla angekommen fuhr ich erst einmal in die Stadt, um meine Devisen aufzufrischen. Auf dem Campingplatz das Übliche: Zelt aufbauen, Essen, Wäsche waschen. Heute machte ich auch die notwendige Fahrradpflege. Schließlich sollte mich das Rad ja noch einige Kilometer weiterbringen.

Tag11
Kumla → Grängesberg
122 km

Dieses wurde eine sehr schwierige Etappe. Eine richtige Berg- und Talfahrt, wobei die Bergfahrt immer die längere war. Nach ca. 112 km sah ich ein Schild zum Campingplatz. Ich bog sofort ab und schob den sehr steilen Berg zum Campingplatz hinauf. Oben angekommen mußte ich erfahren, daß er nur für Wohnwagen bzw. Mobile gedacht war. Enttäuscht kehrte ich um und konnte so wenigstens den eben „erklommenen Berg" in rasender Fahrt herunterhausen.

Nach meiner Karte waren es noch ca. 30 km bis zum nächsten Ort. Meine Beine wurden immer schwerer. Nach einem besonders steilen und langen Anstieg freute ich mich schon auf die folgende Abfahrt. Die Freude wurde noch größer, als unten im Tal ein Campingplatz ausgewiesen war, der auf meiner Karte nicht eingezeichnet war. Ich fuhr sofort auf diesen Platz, wo ich jetzt in der Abendsonne sitze und diese Reisenotizen schreibe.

Tag12
Grängesberg → Borlänge
69 km

Heute wollte ich mal etwas kürzer treten. Mein Ziel war Borlänge, welches ich nach 68 km gegen Mittag erreichte. Borlänge ist die größte Stadt im mittelschwedischen Bergbaubezirk Bergslagen. Es gibt hier mehrere Holzverarbeitungs- sowie Papierfabriken.

Ich nutzte den „freien" Nachmittag, um die kommenden Etappen auszuarbeiten. Dieses ist sehr wichtig, da die Besiedlung immer dünner wird und somit die Distanzen zwischen den Ortschaften immer größer. Man muß genau einplanen, welches das nächste Tagesziel sein soll. Es könnte sonst unliebsame Überraschungen geben. Ich denke nur an Jönköping.

Tag13
Borlänge → Rättvik
69 km

Auch an diesem Tage war die Strecke eine relativ kurze, dafür aber eine sehr nasse. Kurz nach dem Start fing es an zu regnen, der bis zu meinem Ziel anhielt. In Rättvik angekommen, suchte ich sofort die Jugendherberge auf. Doch die Enttäuschung war groß. Die Herberge öffnete erst um 17:00 Uhr – es war aber erst 13:00 Uhr. Nun stand ich da, total naß, hungrig und frierend.

Unter einem Unterstand wechselte ich erst einmal meine Kleidung. Etwas besser fühlend stellte ich mein Rad in einem Schuppen ab und ging in die Stadt, um etwas Wärmendes zu mir zu nehmen. Es regnete immer noch. Eine Stadtbesichtigung fiel somit buchstäblich ins Wasser. Doch die Wartezeit hat sich gelohnt. In einer sauberen, gut ausgerüsteten Jugendherberge bekam ich eine warme Einzelstube. Die Küche war mit allem ausgestattet, was ein Selbstversorger so braucht.

Abends traf ich im Aufenthaltsraum drei Schweden. Es waren sehr lustige und anscheinend auch sehr durstige Typen. Sie hatten sich für drei Tage von ihren Familien abgesetzt, um eine Wochenendtour mit dem Fahrrad rund um den Siljan-See zu machen. Es wurde noch ein sehr netter Abend, in dessen Verlauf ich einige brauchbare Tips sowie einiges Wissenswertes über Nordschweden und deren Bevölkerung erfuhr.

Tag14
Rättvik – Zweiter Ruhetag
Ruhetag

Das Wetter war immer noch nicht besser geworden. So beschloß ich dann, noch einen Tag länger in der netten Herberge zu bleiben. Die Nacht war sehr angenehm. Wenn man so wie ich nun mittlerweile zwölf Nächte nur im Zelt geschlafen hat, kann man es richtig einschätzen, was ein Bett, ein Stuhl und Tisch in einem warmen und trockenen Zimmer wert ist.

Ich nutzte den freien Tag, um einige persönliche Dinge zu regeln – hierzu zählt auch die finanzielle Situation immer wieder zu aktualisieren. Auf der Bank erfuhr ich dann das für mich Unfaßbare: In ganz Schweden wird seit Februar 1998 weder der Euroscheck noch die Scheckkarte akzeptiert. Was nun? Da plant man ein ganzes Jahr und dann dieses. Keiner hat mir davon in Deutschland etwas gesagt, obwohl alle Banken informiert worden sind. Völlig frustriert und deprimiert ging ich erst einmal zur Jugendherberge zurück.

Hier erzählte ich einem Deutsch-Italiener von der Sache. Der stutzte, hatte er doch einen Tag zuvor mit der gleichen Scheckkarte anstandslos Geld bekommen. Ungläubig, aber auch sehr hoffnungsvoll, ließ ich mir die Bank zeigen – und siehe da: Auch ich bekam hier mein Geld! Es gab nämlich noch eine dritte Bank in Rättvik, die sich diesem Boykott noch nicht angeschlossen hatte. Vorgewarnt, holte ich mir abends noch den für den gesamten Aufenthalt geschätzten Betrag.

Tag15
Rättvik → Los
126 km

Ausgeschlafen und wieder voller Zuversicht startete ich nach einem kräftigen Frühstück Richtung Los. Es ging über die 301 und anschließend auf die 296. Das Wetter hatte sich wieder aufgeklärt. Die Landschaft, die ich durchfuhr, war wieder einmal herrlich. Es war aber auch die bisher einsamste Strecke. Wald, Wald und immer nur Wald.

Am Abend erreichte ich den Campingplatz. Ich war ganz allein auf dem Platz. Die Rezeption hatte schon geschlossen. Das Servicehaus war aber trotzdem voll im Betrieb. Küche, Dusche – alles war beheizt, so daß ich mich gut regenerieren konnte.

Tag16
Los → Rätansbyn
112 km

Durch ein mir zunächst unbekanntes Geräusch wurde ich früh morgens geweckt. Es war, wie sich schnell herausstellte, ein Kranichpaar auf dem See, das diesen herrlichen Morgen auf seine Weise begrüßte. Da ich nun einmal wach war, fing ich gleich mit dem Üblichen an: duschen, frühstücken und packen.

Danach ging es weiter auf der 296, die später zur B 45 wurde. Wieder umgab mich für eine längere Zeit die Einsamkeit. Wälder und Seen lösten sich in steter Regelmäßigkeit ab. Mittags der erste größere Ort, wo ich mal wieder das wohlschmeckende Bauernfrühstück zu mir nahm.

Auf dem Campingplatz angekommen – das gleiche Bild wie am Vortage. Wieder war ich ganz allein auf dem Platz. Spät abends kam noch ein deutsches Ehepaar, mit dem ich mich noch eine längere Zeit, bei echtem deutschen Bier, unterhalten habe. Endlich mal wieder eine längere Unterhaltung in deutscher Sprache. Über die Ereignisse in Deutschland wurde ich durch meine Frau informiert, die mich täglich über Handy anrief. Das Handynetz in Schweden ist gut ausgebaut. Ich war immer und überall erreichbar. Selbst die Schulkinder tragen schon ihr Handy am Gürtel.

Tag17
Rätansbyn → Östersund
110 km

Diese Fahrt führte mich zu meinem ersten großen Etappenziel, Östersund – die letzte größere Stadt auf meinem Weg zum Nordkap. Die Fahrt verlief ohne besondere Ereignisse. Das Wetter war gut. Abends erreichte ich den Campingplatz. Es war ein großer und weitläufiger Platz.

Hier kaufte ich mir auf Anraten eines Schweden noch einen zweiten Ersatzreifen, um das einsame und sehr dünn besiedelte Nordschweden zu erradeln. Ab jetzt gilt es auch mehr denn je, daß jede Tagesetappe genau geplant und eingeteilt werden muß. Die Distanzen zwischen den Ortschaften wurden immer größer.

Tag18
Östersund → Strömsund
105 km

Ab heute fahre ich nicht mehr alleine. Ich habe einen Deutschen aus Delmenhorst kennengelernt, der das gleiche Ziel wie ich hatte. Jürgen ist ein Jahr älter als ich. Mit Östersund verließen wir die letzte Bastion der Zivilisation. Man merkt es auch schon am Straßenverkehr. Die Straßen werden immer leerer. Bei herrlichem Wetter erreichten wir unser Tagesziel Strömsund.

Übernachtet haben wir auf einem sehr komfortablen Campingplatz. Entsprechend waren aber auch die Preise. Abends trafen wir noch ein deutsches Ehepaar. Beide waren Rentner und befuhren mit ihrem Wohnmobil ganz Skandinavien. Von unserem Plan waren sie sehr angetan.

🌲 Lappland
Tag19
Strömsund → Wilhelmina
130 km Lapplandgrenze

Schon in der Nacht wurde ich durch prasselnden Regen auf mein Zeltdach geweckt. Das war nicht gerade verheißungsvoll. Vollkommen in Regenzeug gekleidet brachen wir bei strömendem Regen auf. Am Fenster ihres Blockhauses standen die beiden Deutschen und winkten uns mitleidig zu. Der Regen dauerte den ganzen Tag. Meine Schuhe waren total durchgeweicht und die Füße wurden immer kälter.

Ein besonderes Ereignis war für mich das Überschreiten der Lapplandgrenze. Vor diesem Schild haben wir uns gegenseitig in voller Montur fotografiert. Völlig ausgekühlt und naß erreichten wir den Campingplatz in Wilhelmina. Wir mieteten uns dieses mal eine Blockhütte. Als erstes wurde natürlich die Heizung auf volle Stärke gefahren – sollten doch unsere Sachen bis zum Morgen wieder völlig trocken sein. Es tat sehr gut, nach so einem Tag in einem warmen Raum zu schlafen. Auch wenn die Temperaturen am Tage um 8 bis 10 Grad lagen, kühlt der Körper im Laufe der Zeit doch ziemlich aus. Der ständige Regen und Wind tun ihr Übriges.

Lapplandgrenze – naß, aber glücklich
Tag20
Wilhelmina → Blattniksele
120 km

Am Morgen hatte sich das Wetter einigermaßen wieder aufgeklärt. Dafür wurden aber die Straßenverhältnisse sehr schlecht. Große und vor allen Dingen langgestreckte Baustellen mußten wir passieren. Die Baustellen sehen folgendermaßen aus: Die Straße ist auf der gesamten Breite und auf einer Länge von mehreren Kilometern – die längste war 20 km lang – aufgerissen und mit grobem Schotter bedeckt, vergleichbar mit einem Bahndamm ohne Gleise. An ein Fahren auf dem Rad ist nicht zu denken. Das bepackte Rad holpert auf und nieder. Bei jedem Schritt drücken die Steine durch die Schuhsohlen. Welch eine Tortur.

Auf dieser Strecke trafen wir ein Schweizer Paar, das sich auf einer Weltreise per Fahrrad befand. Nach viel Müh und Plag erreichten wir unser Tagesziel. Wir mieteten uns ein Blockhaus. Der Preisunterschied zu einem Stellplatz betrug nur 10 Mark – dafür baut man kein Zelt auf. Es war ein sehr sauberer und idyllisch an einem See gelegener Platz. Den Abend verbrachten wir bei strahlendem Sonnenschein vor der Hütte.

Tag21
Blattniksele → Arvidsjauer
110 km 2000 km!

Da wir überwiegend in östlicher Richtung fuhren, näherten wir uns unserem Ziel, dem Nordkap, nur um etwa 10 bis 15 km. Einen Vorgeschmack auf die noch kommenden Steigungen bekamen wir hier schon sehr zu spüren. Heute sah ich zum erstenmal Rentiere in freier Natur. Ganz Lappland ist Rentierzuchtgebiet, wie auf großen Schildern an den Straßen hingewiesen wird. Die Rentiere leben zwar wie unsere Rehe und Hirsche in freier Natur, sind aber viel weniger scheu.

Wir fahren nun schon seit Tagen durch eine Landschaft, die unbeschreiblich ist. Mühseliges Bezwingen der Berge wird mit einmaligen Ausblicken von den Kuppen belohnt. Klare Seen wechseln sich mit herrlichen Bergen, zum Teil noch mit Schnee bedeckt, ab. Mit Erreichen des Ortes Arvidsjauer habe ich auch zugleich 2000 Fahrradkilometer geschafft. Noch etwa 1000 km und ich bin am Nordkap.

Lappland – Weite und Rentiere
Lappland – Berge und Seen
Tag22
Arvidsjauer → Käbdalis
98 km

Kurz nach Abfahrt fing es an zu regnen. Der Regen sollte mit kurzen Unterbrechungen drei Tage dauern. Teilweise waren es regelrechte Wolkenbrüche in Verbindung mit Sturmböen. Der Wind kam ständig von vorn und die Berge wurden immer länger und steiler. Wenn wir dann endlich mal wieder einen Berg geschafft hatten, erwartete uns auf der Kuppe der Wind in seiner vollen Stärke, der uns zum Teil praktisch auf der Stelle fahren ließ.

Es wurde unsere erste wirklich strapaziöse Etappe. Jürgen und ich sprachen immer weniger miteinander. Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun. Meine Finger wurden klamm und ich hatte arge Probleme mit dem Schalten. Beide Daumen waren schon aufgeplatzt. Nach jedem Schaltvorgang fingen sie an zu bluten.

Völlig erschöpft erreichten wir am Abend den kleinen Ort Käbdalis, wo wir uns eine Hütte mieteten. An Zelten war nicht zu denken. Aus meinen Schuhen lief das pure Wasser. Es war immer wieder erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln der Jürgen brauchbare Wäscheleinen herstellte.

Tag23
Käbdalis → Jokkmokk
60 km Polarkreis!

Nach einer erholsamen Nacht ließen wir es heute etwas ruhiger angehen. Ich versorgte noch meine Daumen mit Wundsalbe, dann ging es los. Die geplante Etappe betrug heute nur etwa 60 km. Ein Blick aus dem Fenster verhieß aber nichts Gutes: strömender Regen und ein wolkenverhangener Himmel.

Kurz vor Jokkmokk dann für mich ein bewegender Moment. Ich hatte den Nördlichen Polarkreis per Fahrrad erreicht. Leider war das Wetter immer noch nicht besser geworden. In dem kleinen Restaurant tranken wir ein paar wärmende Tassen Kaffee. In Jokkmokk mieteten wir uns in die dortige Jugendherberge ein. Abends machten wir noch einen Bummel durch die kleine Stadt, die auch als heimliche Hauptstadt der Lappen bezeichnet wird.

In der Jugendherberge unterhielt ich mich mit einem jungen Schweden. Er war von seinem Wohnsitz Stockholm nach Jokkmokk gekommen, um hier seinen Führerschein zu machen. Es würde hier nur eine Woche dauern. Ich fragte mich, ob er bei der dünnen Verkehrsdichte auch genügend Fahrpraxis bekommen würde, um anschließend in der Großstadt bestehen zu können.

Am Nördlichen Polarkreis
Tag24
Jokkmokk → Gallivare
95 km

Das Wetter war immer noch nicht besser. Es regnete stark. Aber es sollte noch dicker kommen. Kurz hinter Jokkmokk war eine Baustelle bekannter Art – nur diese war 20 km lang. An Fahren war wieder nicht zu denken. Schieben war angesagt. Das brachte unseren Zeitplan natürlich ziemlich durcheinander.

Es gab aber trotzdem heute einen Lichtblick. Das Wetter klärte sich gegen Mittag auf. Das lästige Regenzeug konnten wir ausziehen. Aber schon kam der nächste Dämpfer: Nach der ersten Baustelle kam nach 40 km mal wieder eine. Diese war zwar nur 8 km lang, dafür aber um so steiler. Da wir nun schon 2,5 Tage nur im Regen gefahren waren, hofften wir, wenigstens heute mal trocken unser Ziel zu erreichen. Aber wieder nichts. Vier Kilometer vor dem Ziel schüttete es plötzlich wie aus Eimern.

Daß wir uns mittlerweile 120 km nördlich des Polarkreises befanden, konnten wir nicht nur an dem riesigen Schneeberg am Rande des Campingplatzes erkennen – auch die Vegetation wurde von Tag zu Tag karger.

Nordschweden – Schneeberg am Lager
Tag25
Gallivare → Vittange
110 km

Das Wetter wurde im Laufe des Tages immer besser, so daß wir mit Unterstützung des Windes flott vorankamen. Anfangs war die Strecke zwar noch durch steile Anstiege geprägt, aber auch die wurden weniger, und so kamen wir schon am Nachmittag in Vittange an.

Auf dem Campingplatz herrschte reges Treiben. Es wurde nämlich das Sonnenwendfest gefeiert. Jung und alt war auf den Beinen. Lediglich die Tankstelle mit dem integrierten Supermarkt hatte geöffnet. Trotz der allgemeinen Festagsstimmung verlief die Nacht ruhig.

Als besonderes Ereignis haben wir zum erstenmal einen Wegweiser zum Nordkap gesehen. „Zum Nordkap 606 km" stand drauf. Das Ziel kommt näher.

Gallivare – 606 km bis zum Nordkap
Tag26
Vittange → Karesuando
105 km

Die letzte Etappe in Schweden lag vor uns. Es wurde eine Strecke in völliger Einsamkeit – keine nennenswerten Ortschaften. Hier und da mal ein paar Häuser. Viele waren schon verlassen und standen zum Verkauf. Hier stellte sich mir immer die gleiche Frage: Wovon leben die Menschen hier eigentlich? Was hat sie bewogen, gerade hier zu wohnen? Wie kommt die Jugend damit klar?

Um die Mittagszeit kamen wir zu einem Restaurant. Obwohl viele Busse und Autos davor standen, war es geschlossen. Eine Frau, offenbar die Chefin, erklärte uns, das Restaurant sei heute zwar für die Öffentlichkeit geschlossen, aber wenn wir uns ruhig verhalten würden, könnte sie uns ein paar Brote und Kaffee servieren. Etwas verwundert kehrten wir ein. Bald erkannten wir auch den Grund der Bitte: Im Saal nebenan fand offenbar ein Gottesdienst anläßlich der Sonnenwende statt. Hier waren alle Einwohner aus der weitläufigen Gegend zusammengekommen.

Gegen 16:00 Uhr trafen wir in Karesuando ein, direkt an der finnischen Grenze. Auch hier stand alles im Zeichen der Sonnenwendfeier. Da ich für den nächsten Tag noch kein finnisches Geld hatte und es Wochenende war, beschloß ich, erst am Montag weiterzufahren. Jürgen aber wollte unbedingt am nächsten Tag weiter. Ab jetzt fuhr ich also wieder allein.

Warum fährst du allein? – Diese immer wieder gestellte Frage möchte ich hier beantworten: Wer eine derartige Tour überstehen will, muß häufig an seine persönliche Leistungsgrenze gehen. Diese ist individuell sehr verschieden. Die ständigen täglichen Entscheidungen – Soll ich bei Regen weiterfahren? Reichen 100 km am Tag? Ist um 19:00 Uhr Schluß? – können durch Euphorie eine oder zwei Wochen überwunden werden, aber acht Wochen lang führen sie zu einem ständigen Dauerstreß. Wer sich aber allein entscheidet, muß auch die Folgen tragen. Wegen dieser Argumente werde ich auch meine nächste Tour wieder allein durchführen.

🇳🇴 Norwegen / Finnland
Tag27
Karesuando – Sonnenwende
Ruhetag

Heute habe ich also Ruhetag. Ich schlief besonders lange, da ich, bedingt durch die Sonnenwendfeier, sehr spät eingeschlafen bin. Wie gefeiert wurde, konnte ich morgens an einigen Gesichtern im Duschraum sehen. Nach dem Frühstück fuhr ich ohne Gepäck in den Ort, um den täglichen Bedarf einzukaufen. Auch hier noch sehr viele Betrunkene.

Ich machte noch schnell einen Abstecher nach Finnland, um mich über die dortigen Devisenbestimmungen zu erkundigen. Die Grenze von Schweden nach Finnland zu überschreiten ist nichts Besonderes. Der Zöllner nahm keine Notiz von mir. Meine Kassenüberprüfung ergab, daß ich noch 1200 Skr hatte – die konnte ich ja in jedem Fall gegen Finnmark eintauschen. Aber wo? Die nächste Bank wäre in Enontekiö, 80 km landeinwärts. Ich mußte also am nächsten Tag ohne gültiges Geld mindestens 80 km durch Finnland fahren.

Den Rest des Tages widmete ich zum Teil der Fahrradpflege. Ich legte eine neue Kette auf und überprüfte alle Schrauben sowie die Reifen.

Karesuando – Sonnenwende an der finnischen Grenze
Tag28
Karesuando → Kautokeino
181 km Rekordtag!

Der Ruhetag hat sehr gut getan. Bei herrlichem Wetter startete ich in Richtung Enontekiö. Der Zöllner an der Grenze kümmerte sich gar nicht weiter um mich. Nach etwa 30 km hörte ich plötzlich ein fürchterliches Knacken in der Schaltung. Was war geschehen? Die neue Kette war gerissen. Ich ahnte Fürchterliches. Allein auf weiter Flur – und nun dieses.

Ich untersuchte zunächst die Sachlage. Hierbei stellte ich fest, daß der Stift, mit dem ich die neue Kette vernietet hatte, herausgefallen war. Hätte ich vorher die Montageanleitung sorgfältiger gelesen, so wäre mir sicherlich aufgefallen, daß ich den Stift genau verkehrt herum eingesetzt hatte. Für mich bedeutete es, das gesamte Gepäck zu entladen – eine Packtasche gänzlich auszupacken, weil das Paket mit den Ersatzteilen natürlich ganz unten lag. Ähnlich wie in der Kühltruhe: egal was man braucht, es liegt meistens ganz unten.

Nach einer Zwangspause von etwa 40 Minuten war der Schaden ohne Folgeschäden behoben. In Enontekiö steuerte ich die erste Bank an. Mir fiel ein Stein vom Herzen, wie mir die Bankangestellte sagte, daß es keine Schwierigkeiten mit meiner Scheckkarte gäbe. Schnell probierte ich die Scheckkarte aus und zog 300 Fm – was später noch sehr wichtig werden sollte.

Das Gelände war so eben und der Rückenwind so günstig, daß ich trotz der Panne nach 170 km den Campingplatz in Kautokeino erreichte. Nun hatte ich wieder ein Geldproblem: Ich war ja mittlerweile in Norwegen, was für den heutigen Tag noch gar nicht eingeplant war. Doch auch in Norwegen bekam ich anstandslos mein Geld. Nach dieser Tagesleistung von insgesamt 181 km hatte ich mit dem Einschlafen keine Probleme.

Kautokeino – Norwegen
Tag29
Kautokeino → Alta
137 km

Der Ort Kautokeino ist ein Knotenpunkt in einem extrem einsamen Landstrich. Es existiert lediglich die Straße Nr. 93 von Finnland nach Alta, mein nächstes Tagesziel. Bevor ich weiterfuhr, wechselte ich noch schnell mein übriges schwedisches Geld und trank einen Kaffee.

Es sollte landschaftlich die bisher schönste Strecke werden. Ein großer Fluß, der Alta-Älv, und später ein Nebenfluß sind vorerst die einzigen Begleiter der Straße. Die Straße zieht sich über anliegende Berge durch eine wunderschöne, abwechslungsreiche Landschaft. Es ging durch Gebiete, wo die Vegetation vom Sommer noch nichts bemerkt zu haben schien. Die kümmerlichen Birken hatten noch nicht einmal ausgeschlagen. Auf dem großen Fluß war stellenweise noch eine zusammenhängende Eisfläche. Die Sonne war manchmal so grell, daß ich vieles nicht mit meiner kleinen Kamera im Bild festhalten konnte.

Dann ein Anblick, den ich wohl nie vergessen werde: das Panorama von der Stadt Alta. Umgeben von schneebedeckten Bergen, dazu der stahlblaue Himmel. Einmalig. Das muß man mit eigenen Augen gesehen haben.

Alta – Panorama mit schneebedeckten Bergen
Tag30
Alta → Olderfjord
112 km

Diese vorletzte Etappe zum Nordkap sollte physisch wie psychisch die anspruchsvollste werden. Frühmorgens fuhr ich bei gutem Wetter los. Vor mir lagen die Berge, die ich überqueren mußte, links von mir der Alta-Fjord. Alles ein herrlicher Anblick. Doch mein Blick schweifte immer wieder zu den Bergen. Steil ging es bergauf. Ich mußte mich regelrecht gegen mein Fahrrad stemmen, um die brutale Steigung zu schaffen. An Fahren war gar nicht zu denken.

Eine Serpentine löste die andere ab. Es wollte kein Ende nehmen. Hatte man einen Höhenzug geschafft, ging es auf freier Ebene weiter bis zum nächsten Anstieg. Kein Busch, kein Strauch, der auch nur ein bißchen Schutz hätte bieten können. Nur zum Teil noch schneebedeckter, kahler Fels, dazu eiskalter Wind von vorn. Meine Hände cremte ich sicherheitshalber dick mit einer Hautcreme ein. Nicht einmal das Fahrrad konnte ich abstellen – der Wind hätte es umgeworfen.

Ein positives Erlebnis: Als ich mein Fahrrad schob, hielt ein norwegischer Lieferwagen an. Der Fahrer erkundigte sich auf Englisch, ob ich Hilfe benötigte. Ich verneinte dankend. So ganz allein war ich also doch nicht. Im Falle eines Falles hätte ich Hilfe gehabt.

Ich erreichte völlig erschöpft und leicht demoralisiert den Campingplatz. Doch es sollte noch nicht alles gewesen sein: Ich bereitete eine Tütensuppe zu – leider war die Zubereitungsanleitung auf Norwegisch. Das Ergebnis war ein großer ungenießbarer Kloß. Was blieb mir also übrig: Knäckebrot mit Käse. Das alles nach den Strapazen. Todmüde legte ich mich auf meine Luftmatratze und schlief trotz des Hungers sofort ein.

Die hohe Hochebene vor dem Nordkap
Tag31
Olderfjord → Honnigsvåg
82 km

Auf zur letzten Nordkap-Etappe. Nach einem kargen Frühstück und mit etwas schweren Beinen wollte ich heute die Insel Magerøya, auf der das Nordkap liegt, erreichen. Der Weg führte direkt am Porsangen entlang. Vorbei an den Fischerbooten und den langen Holzgerüsten, auf denen die bekannten Stockfische getrocknet und zum Verkauf angeboten werden. Der Wind wehte schwach und die Sonne schien strahlend vom Himmel.

Nach 25 km kam der Skarvberg-Tunnel in Sicht. Mir war bekannt, daß der Tunnel für Fußgänger sowie Radfahrer gesperrt war. Doch um zum Nordkap zu kommen, muß man dort durch. Es gibt keine sinnvolle Alternative. Bevor die Durchfahrt begann, überprüfte ich noch kurz die Beleuchtung meines Rades, setzte den Helm auf – und los ging es. Im Tunnel war es schlicht schaurig. Die Beleuchtung war spärlich, an den roh behauenen Wänden lief das Wasser herunter. Was aber viel schlimmer war: Das sich an den Wänden mehrfach brechende Echo der Fahrzeuggeräusche. Nach 2980 Metern war es geschafft. Völlig außer Atem legte ich erst einmal eine Verschnaufpause ein.

Auf der Strecke traf ich einen jungen Schweizer, der schon seit April unterwegs war. Er wollte über Island, England, Spanien und Marokko fahren, um im Dezember wieder zu Hause zu sein. Ein wahrer Profi. In Honnigsvåg buchte ich gleich in dem kleinen Reisebüro einen Platz für die Fähre, die am nächsten Tag um 18:00 Uhr abfahren sollte.

Am Tunnel nach Magerøya
Honnigsvåg – der nördlichste Hafen

Das Nordkap

71° 10′ 21″ N  ·  25° 47′ 40″ E

Tag 32  ·  26. Juni 1998  ·  3033 Fahrradkilometer

Tag32
Honnigsvåg – Nordkap – Honnigsvåg
65 km ★ Das Ziel!

Heute sollte das Nordkap fallen. Früh um 8:00 Uhr startete ich ohne Gepäck, das ich in der Rezeption deponierte. War das ein Fahrgefühl mit dem leichten Fahrrad! Gleich hinter der Jugendherberge gab es eine Steigung von 9% auf 3 km. So setzte sich der Weg fort – eine fortlaufende Berg- und Talfahrt durch unwirtliches Gelände, bei mäßigem kalten Gegenwind. Aber sonst war das Wetter herrlich. Strahlender Sonnenschein.

Nach 27 km stand ich am Nordkap. Mein Ziel. Von dem Kassierer im Kartenhäuschen wurde ich freundlich begrüßt. Nachdem ich ihm sagte, daß ich aus Deutschland komme, lachte er und sagte wörtlich: „Sie haben freien Eintritt." Warum und wieso weiß ich bis heute nicht. Normalerweise kostet es 150 Nkr für Einzelpersonen.

So fuhr ich dann in das Areal des Nordkaps. Nach 32 Tagen und 3033 Fahrradkilometern hatte ich mein Ziel endgültig erreicht. Ich ging in die über vier Etagen in den Fels gehauene Nordkaphalle, die sehr gut geheizt war. Nach einem wärmenden Frühstück rief ich meine Frau an, um ihr das Erreichen des Zieles mitzuteilen.

Ich durchstreifte das ganze Gelände und machte ein paar Fotos. Draußen ließ ich mich noch schnell vor der Weltkugel, dem Wahrzeichen des Nordkaps, fotografieren. Ich schrieb noch ein paar Ansichtskarten. Dann, mit Rückenwind, ging es in flotter Fahrt zurück zur Jugendherberge.

Bis zur Abfahrtszeit der Fähre hatte ich noch gut drei Stunden Zeit. Ich nutzte sie, um mir den kleinen Ort Honnigsvåg anzusehen. Wieder stellte sich mir die Frage: Was machen die Einheimischen in den langen und dunklen Wintermonaten ohne Touristen? Der nächste größere Ort Alta ist immerhin 190 km entfernt, zuzüglich 45 Minuten Fährfahrt.

Um 17:30 Uhr betrat ich die Fähre, die zur sogenannten „Hurtigruten" gehört. Auf dem Schiff befand sich eine größere deutsche Reisegesellschaft. Es wurde eine herrliche Seefahrt. Die Sonne schien ständig, obwohl es auf offener See sehr kalt war. Auf dem Deck habe ich mir eine windgeschützte Ecke gesucht. Hier saß ich nun bei nächtlichem Sonnenschein und fuhr durchs Eismeer. Um Mitternacht dann der Höhepunkt: Die Mitternachtssonne. Was für ein Schauspiel!

Am Nordkap – das Ziel ist erreicht
Die Weltkugel am Nordkap
Mitternachtssonne auf dem Eismeer
🇫🇮 Finnland · Der Rückweg
Tag33
Kirkenes → Sevettijärvi
92 km

Kurz vor Mittag legt die Fähre in Kirkenes an. Ich kaufte mir von meinem letzten norwegischen Geld ein paar Lebensmittel und fuhr dann weiter auf der E6 Richtung Finnland. Die Grenzüberschreitung verlief auch hier wie bei den anderen Grenzen – der Posten nahm keinerlei Notiz von mir.

Die Gegend wurde zunehmend ebener und einsamer. Hier gibt es Natur pur. Kleine Bäume, herrliche Seen, rauschende Bäche und viele Tümpel. Ein ideales Gebiet für die Mückenzucht – zu denen ich noch komme. Der moorige Boden wird von Gräben und Bächen durchzogen, überall wachsen Moorpflanzen, ganze Teppiche aus weißem Wollgras beispielsweise.

Gegen Abend erreichte ich den Ort Sevettijärvi. Vom Ort sah ich so gut wie gar nichts. Die Häuser lagen wohl alle verstreut im Wald, wie die vielen Briefkästen am Straßenrand vermuten ließen. Auf dem Campingplatz verbrachte ich eine ruhige Nacht, die mir nach der Schiffsreise mit wenig Schlaf sehr gefehlt hatte. Außer mir war kein weiterer Gast auf dem Platz. So war ich ganz allein mitten im Wald – und das genau neben dem Friedhof.

Tag34
Sevettijärvi → Ivalo
156 km

Früh um sieben saß ich schon wieder im Sattel, um bei herrlichem Wetter mit Rückenwind durch eine extrem einsame Landschaft zu fahren. Heute ist Sonntag. Seit zwei Stunden fahre ich durch eine gottverlassene Gegend, bis ich plötzlich von einem mir entgegenkommenden Auto regelrecht aufgeschreckt werde. Danach wieder kilometerweit keine Unterbrechung dieser Art.

In dem Ort Kaamanen wollte ich zu Mittag essen. Doch der Kiosk hatte geschlossen. So fuhr ich weiter, bis ich zu einem Souveniershop kam – ein original Lappenzelt. Im Vorbeifahren sah ich gerade noch, daß hier auch Kaffee angeboten wurde. Kurz entschlossen hielt ich an, und mußte feststellen: Es gab nicht nur Kaffee. Am offenen Feuer stand eine echte Lappin und backte frische Pfannkuchen. Gerade das richtige für mich. Ich bestellte gleich zwei von den sehr fettigen, aber wohlschmeckenden Dingern. Wie ich der Frau durch Fingerzeichen klarmachte, daß mir die Kuchen sehr gut schmeckten, war sie sehr erfreut und lachte mich mit ihrem zahnlosen Mund an.

Finnland – einsame Seen und Wälder
Tag35
Ivalo → Petkula
135 km

Die Regenwolken waren weitergezogen. Strahlender Sonnenschein begrüßte mich am frühen Morgen. Froh gelaunt bestieg ich mein Rad. Je länger ich fuhr, um so belebter wurde auch die Straße. Um die Mittagszeit erreichte ich den Ort Vuotso. Kurz vor dem Ort war eine Baustelle von ca. zwei km Länge, der Verkehr wurde durch eine Ampel geregelt. Doch die Radfahrer hat man nicht berücksichtigt. Es wurde manchmal sehr kritisch, wenn mir einer von den enorm großen Holztransportern auf der verengten Fahrbahn entgegenkam. In solcher Situation können 2 km sehr lang werden.

Nach 135 km sah ich ein Hinweisschild zu einem Campingplatz 4 km abseits der Straße. Was mich hier erwartete, war der reinste Horror. Obwohl oftmals vorgewarnt, wurde ich doch Opfer eines Mückenüberfalls, wie ich ihn mir nie vorgestellt hatte. Auf meinem Stellplatz angekommen, wurde ich regelrecht von ganzen Heerscharen von Mücken überfallen. Bei praller und stechender Sonne zog ich die immer griffbereite Regenkleidung über, um mich so zu schützen. Es muß schon sehr lustig ausgesehen haben, wie ich wild um mich schlagend und schweißtriefend das Zelt aufbaute.

Endlich saß ich im Zelt. Draußen hörte ich das Gesumme von unzähligen Mücken. Sie flogen ständig gegen das Zelt und verursachten dadurch ein Geräusch, als wenn feiner Nieselregen auf das Zeltdach fallen würde. Ungewaschen legte ich mich hin und schlief auch bald ein.

Finnisches Lappland – weite Ebenen
Tag36
Petkula → Rovaniemi
170 km Polarkreis zurück

Die erste Mückenattacke war also überstanden. Die zweite ließ nicht lange auf sich warten. Beim Frühstück fingen sie wieder an. Schnell setzte ich meinen Hut mit dem Mückenschleier auf und schmierte mein Brot – doch durch die ständigen Abwehrbewegungen hatte ich den Hut mit dem Schleier vergessen. Ich biß also herzhaft in das Brot und somit auch in den Schleier. Das Ergebnis: Der Käse fand sich im Schleier wieder. Nun hatte ich die Nase voll. Schnell packte ich meine Sachen und verließ dieses ungastliche Gebiet.

Kurz vor Rovaniemi überquerte ich zum zweiten Mal den Polarkreis – dieses Mal in südlicher Richtung. Im Gegensatz zur ersten Überquerung in Schweden war hier richtig was los. Eine helle Lichterkette, die über die Straße gespannt war, kündigte es schon an. Es gab viele Einkaufsmöglichkeiten sowie Hotels. Auf den Parkplätzen standen viele Busse.

Rovaniemi ist die letzte Bastion der Zivilisation, das Tor nach Lappland. Hier rüstet sich aus, wer den Norden erobern will. Vom Luxushotel bis zur Imbißbude, vom Reisebüro zum Supermarkt gibt es hier alles.

Tag37
Rovaniemi → Kemi
128 km

Das Wetter ist immer noch hervorragend. Seit Tagen nur Sonnenschein, und was noch viel wichtiger ist: der Wind weht wieder leicht von hinten. Bevor ich weiter über die E 75 nach Kemi fahre, will ich mir die Innenstadt von Rovaniemi ansehen. Auf dem Weg dahin sehe ich die beiden Skisprungschanzen, wo sich im Winter die Spitzensportler aus aller Herren Länder treffen.

Versorgt mit dem nötigen Wegproviant geht es nach der Stadtbesichtigung auf der E 75 nach Kemi. In Kemi angekommen sah ich zwar noch die Wasserpfützen auf der Straße, doch die Wolken hatten sich bereits wieder verzogen. Auf Umwegen kam ich in die Innenstadt, wo ich sogleich die Jugendherberge aufsuchte. Ich wollte endlich mal wieder in einem richtigen Bett schlafen. Wenn alles gut geht, habe ich noch fünf Stationen bis Helsinki zu bewältigen.

Kemi – zurück in der Zivilisation
Tag38
Kemi → Liminka
150 km

Das Bett hat gutgetan. Bei anfangs bedecktem Himmel ging es gut gelaunt morgens um 8:00 Uhr auf der E 75 weiter in Richtung Oulu. Das Wetter klärte sich wieder zu einem herrlichen sonnigen Tag auf. Ohne besondere Vorkommnisse erreichte ich die Stadtgrenze von Oulu. Auch hier wieder das alte Problem: Ich mußte die Hauptstraße verlassen und auf Nebenwegen und vielem Fragen in die Innenstadt gelangen.

Auf dem Campingplatz in Liminka spürte ich sofort die Mücken. Der Platz lag mitten im Wald. Da mir der letzte „Überfall" noch gut in Erinnerung war, mietete ich mir gleich eine Holzhütte. Noch einmal wollte ich es mir nicht antun. Während ich so einigermaßen geschützt vor den Mücken in der Hütte saß, sah ich, wie die kleinen Kinder des Besitzers leicht bekleidet draußen in der Sonne spielten. Wieso werden die nicht attackiert? Diese Frage konnte mir bis heute noch keiner beantworten.

Tag39
Liminka → Kalajoki
105 km

Heute werde ich es mal ganz ruhig angehen. In einem mäßigen Tempo fahre ich auf der Straße 8 meinem geplanten Ziel Himanka entgegen. Unterwegs gönne ich mir ein kräftiges Mittagessen. Wenn möglich, suche ich hierfür immer eine Tankstelle auf – hier gibt es meistens gutes und preiswertes Essen.

In Kalajoki sehe ich das internationale Zeichen für Jugendherbergen. Kurz entschlossen ändere ich meinen Plan und kehre ein. Dadurch hatte ich den ganzen Nachmittag zur Verfügung. Ich nutzte die Zeit, um mein Zelt gründlich zu reinigen. Zwischen Innen- und Außenzelt klebten nämlich noch eine Unzahl toter Mücken seit dem letzten „Überfall".

Tag40
Kalajoki → Evijärvi
135 km

Ein Blick aus dem Fenster verhieß nichts Gutes. Ein regenwolkenverhangener Himmel. Seit 13 Tagen wieder Regen. Ich zog gleich mein Regenzeug an, um nicht während der Fahrt vom Wasser überrascht zu werden. Wie richtig diese Entscheidung war, zeigte sich kurz nach dem Start. Es wurde zwar kein starker Regen, dafür hielt er aber bis kurz vor dem Ziel an.

In Evijärvi fragte ich gar nicht erst nach einem Stellplatz für mein Zelt. Der Boden war durch den Dauerregen dermaßen aufgeweicht, daß es nicht ratsam war, hier ein Zelt aufzuschlagen. Für den halben Preis mietete ich mir eine Hütte und konnte so alle Sachen trocken halten.

Tag41
Evijärvi → Ätheri
120 km

Diese Tour verlief auf sehr abgeschiedenen Straßen. Vorbei an herrlichen Seen und durch kleine Ortschaften ging es über Vimpeli am Lappajärvi-See vorbei nach Alajärvi, wo ich bei einer Tasse Kaffee und Kuchen eine längere Pause machte. Das Wetter hatte sich wieder zu meinen Gunsten geändert.

In Ätheri angekommen sah ich das Schild Jugendherberge. Ohne lange zu zögern bog ich ab und mietete mich ein. Es war ein großes Gebäude, wo ich der einzige Gast war. Irgendwie spürte ich, daß mein Elan nachließ. Die Anstrengungen und Strapazen machten sich immer stärker bemerkbar. Ich hatte mittlerweile auch stark abgenommen. Mit Ausnahme der Radlerhose paßte mir keine andere Hose mehr.

Da es noch früh am Nachmittag war, nutzte ich die Zeit, um meinen total abgefahrenen Hinterreifen auszutauschen. Beim anschließenden Einkauf landete ich ahnungslos in der Abteilung für Tiernahrung und packte eine Wurst aus dem Sortiment „Pedigree Pal" in meinen Wagen. Ob ich das wohl später beim Essen noch bemerkt hätte?

Tag42
Ätheri → Orivesi
126 km

Heute wollte ich Orivesi erreichen. Das Wetter war wieder ideal. Die Landschaft war sehr abwechslungsreich. Ich kam an vielen kleinen Ortschaften vorbei. Gegen Mittag sah ich ein Restaurant, das offensichtlich noch nicht ganz fertig war. Neugierig schob ich die kleine Anhöhe hoch und fand, was ich seit meiner Abfahrt von zu Hause noch nicht wieder gehabt hatte: ein richtig gekochtes, sehr reichhaltiges Mittagessen. Für einen Festpreis von umgerechnet 10 DM konnte man sich im Selbstbedienungsverfahren soviel nehmen wie man wollte. Sogar ein Pudding mit Sahne wurde geboten. So etwas hätte ich gerne des öfteren auf meiner Fahrt gehabt.

Ich habe nämlich festgestellt, daß es auf fast allen Campingplätzen in Skandinavien so gut wie gar nichts an Lebensmitteln zu kaufen gibt. Man tut also gut daran, sich rechtzeitig mit dem Nötigsten einzudecken.

Tag43
Orivesi → Riihimäki
128 km

Heute trat ich meine vorletzte Etappe bis Helsinki an. Die ersten 30 km waren geprägt von teilweise enormen Steigungen. Auf der 324 ging es dann nach Kangasala. Von da auf die 12 über Hattula nach Hämeenlinna. Kurz vor Hämeenlinna das alte Problem: Die Straße wurde zur Autobahn. Kein Wegweiser für mein Ziel. Ich fuhr erst einmal in die Stadt.

Hier traf ich einen Jungen, der mir wohl gerne helfen wollte, aber auf Grund seiner mangelnden Englischkenntnisse sich nicht verständlich machen konnte. Kurz entschlossen setzte er sich auf sein Rad und gab mir zu verstehen, ihm zu folgen. Es ging kreuz und quer durch die Stadt, bis wir auf der alten Straße nach Helsinki waren. Ich bedankte mich für diese nette Unterstützung. Er wünschte mir noch eine gute Fahrt und fuhr zurück in die Stadt.

In Riihimäki suchte ich gleich die Jugendherberge auf. Die Leiterin war eine sehr nette junge Finnin. Sie empfahl mir, die Karte für die Finnjet schon vor Ort im Reisebüro zu kaufen. Wie sich ein Tag später herausstellte, war das eine gute Idee – die billigen Plätze waren nämlich schon alle verkauft.

Tag44
Riihimäki → Helsinki
72 km

Trotz des ungewöhnlichen Vorfalls in Riihimäki hatte ich eine ruhige Nacht. Heute sollte es meine letzte Etappe auf ausländischem Boden werden. Da es nur noch 72 km bis Helsinki waren, wollte ich es ruhig angehen lassen. Doch für den Nachmittag wurde Regen angesagt. Also wurde es doch noch eine flotte Fahrt.

Nicht wie befürchtet, sondern ziemlich leicht und schnell fand ich in die Stadt. Der ausgeschilderte Radweg führte mich direkt zum Olympia-Stadion. Hier gönnte ich mir den Luxus eines Einzelzimmers in der nahen Jugendherberge – die ehemaligen Mannschaftsquartiere der Olympischen Spiele. Das Rad kam sicher in einen abschliessbaren Keller.

Den Nachmittag nutzte ich für eine Stadtbesichtigung. Die Sonne brannte unerträglich vom Himmel. Ich besuchte zunächst die berühmte Felsenkirche, die mich sehr beeindruckte. Es ist eine Kirche, die ganz in den Felsen geschlagen ist. Eine junge Finnin sang mit einer herrlichen Stimme Lieder in finnischer Sprache, begleitet durch Klaviermusik.

Helsinki – Hauptstadt Finnlands
Helsinki – Stadtansicht
Tag45
Helsinki – Abfahrt per Fähre
Fähre nach Travemünde

Das Frühstück in der Jugendherberge ist ganz nach meinem Geschmack. Ich sitze mit einem Engländer am Tisch, der gerne von Helsinki aus nach Rußland möchte. Doch die russischen Behörden machten ihm Schwierigkeiten bei der Erteilung eines Visums.

Nach dem Frühstück belade ich mein Fahrrad, lasse es aber noch im Keller stehen. Den Stadtbummel bis zur Abfahrt der Fähre am Nachmittag wollte ich vollkommen unbeschwert genießen. Also ziehe ich befreit von Rad und Gepäck los in Richtung Stadt. Einen schöneren Tag hätte ich mir für eine Stadtbesichtigung nicht wünschen können. Strahlender Sonnenschein empfing mich.

Um nicht noch am letzten Tag die Fähre zu verpassen, holte ich mein fertig gepacktes Rad aus dem Keller und begab mich zur Anlegestelle im Südhafen. Gegen 16:00 Uhr läuft die Finnjet ein. Die mächtige Ladeluke öffnet sich, und eine unglaubliche Menge an Bussen, Lastwagen, Pkws und Motorrädern ergießt sich auf den Kai. Das Ent- und Beladen geschieht in großer Hektik – in nur 90 Minuten läuft die Fähre schon wieder aus. Ich hatte das Glück, als erster die Fähre befahren zu dürfen.

Helsinki – Abschied von Finnland
🏠 Heimkehr · Deutschland
Tag46
Travemünde → Ahrensbök
Ankunft

Gegen 16:00 Uhr landete die Fähre in Travemünde, wo ich von meinem Bruder, der in Ahrensbök wohnt, abgeholt wurde. Nach 45 Tagen verbringe ich die erste Nacht auf deutschem Boden in meinem Geburtsort Ahrensbök.

Tag47
Ahrensbök → Glückstadt
88 km

Gestärkt durch ein kräftiges Frühstück startete ich zu meiner vorletzten Etappe. Es ging über die 432 nach Bad Segeberg Richtung Bad Bramstedt. Kurz nach der Abfahrt wurde ich von einem starken Regenschauer überrascht. Zum Glück war eine Tankstelle in der Nähe, wo ich unter dem Dach Schutz fand. Mit dem Besitzer kam ich ins Gespräch. Er hatte den Krieg in Kirkenes als Soldat verbracht und kannte sich also gut aus. Ich hatte den Eindruck, er hätte sich gerne noch länger mit mir unterhalten.

Ab Bad Bramstedt ging es, unterbrochen durch einige Regenschauer, auf Nebenstraßen nach Glückstadt, wo ich noch ein letztes Mal auf meiner Tour in der sehr gemütlichen und urigen Jugendherberge übernachtete.

Tag48
Glückstadt → Tarmstedt · Heimkehr
92 km Zuhause

Um 8:00 Uhr ging es ohne große Pause Richtung Tarmstedt, wo mich meine Familie schon an der Straße erwartete. Eine anstrengende, entbehrungsreiche, aber doch schöne und einmalige Reise ging nach 4792 Fahrradkilometern zu Ende.

Heimkehr – Familie wartet in Tarmstedt
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